Dienstag, 4. Februar 2014

Dream big and dare to fail.



Die letzten Tage waren nicht leicht für mich und voller Zweifel, ob es richtig ist und mir gut tut, was ich hier erlebe. Das erste mal in meinem Leben habe ich sowas wie Heimweh gespürt und ich lerne meine Heimat immer mehr schätzen. Ich habe mir nicht mehr die Frage gestellt, ob ich sechs oder acht Monate bleibe, sondern ob ich viel eher schon alles abbreche. Dieses Land ist so verrückt. Wie sagen so viele? Afrika – man liebt es oder hasst es, aber verstehen kann man es nicht. Der ganze Müll auf den Straßen, das Chaos, dass nichts wirklich wie erwartet funktioniert, die vielen bettelnden Kinder. Andererseits ist da eine wunderschöne Landschaft, sehr freundliche Menschen, ständiger Sonnenschein und eine Gelassenheit und Genügsamkeit, von der wir nur lernen können. Im Moment gehe ich wohl durch die Gefühle, die erstmal viele Volunteers haben, und das ist okay und wird hoffentlich besser werden. So schnell wird nicht aufgegeben und ich möchte mir auch nicht als Mantra machen, dass alles so schwierig und blöd ist, sondern versuchen, offen an die neuen Aufgaben ranzugehen. 
 
Nach meinem ersten Monat habe ich nun meine “Placement Form” bekommen. Es ist gut, jetzt endlich etwas zu haben, an dem ich mich orientieren kann. Meine Aufgaben sind vor allem, die Hebammen vor Ort zu “trainieren” und “up-to-date” zu halten. Sprich Workshops, Fortbildungen und sogar “Einzelunterricht” zu geben. Mit dieser Rolle habe ich nicht gerechnet . Ich bin davon überzeugt, dass die Hebammen im Geburtshaus einen guten Job machen, sehr kompetent sind viel besser als ich wissen, was die Frauen hier vor Ort brauchen. Hier nicht als “schlaue Weiße aus dem Westen” rüberzukommen, die den Kolleginnen nun sagt, wie man es “richtig” macht, wird glaub ich nicht so einfach.
Ich werde es aber versuchen und meine Workshops hoffentlich so gestalten können, dass eine Diskussion entsteht und ich nicht als Lehrerin auftrete. Auch an dieser Aufgabe kann ich wachsen! Es geht vor allem darum, eine “Botschaft” rüberzubringen, so wurde es mir gesagt. Die Hebammen anzustecken mit der Leidenschaft, die ich für meinen Beruf mitbringe und ihnen Nahe zu bringen, was es bedeutet, eine Frau so zu betreuen, dass sie gestärkt und nicht traumatisiert aus der Geburt geht.

Inzwischen hatte ich auch meinen ersten Tag im Krankenhaus und habe hier zwei Frauen unter Geburt mitbetreut (haben aber beide nicht bei mir geboren). Beide konnten kein Wort Englisch, aber mit Blickkontakt und “Hand und Fuß” geht es irgendwie. Die Hebamme hat mich arbeiten lassen und man findet einen Weg, mit den Frauen umzugehen. Im Krankenhaus arbeitet man wirklich unter den einfachsten Umständen. Es fehlt hier an allem. Das Haus wird von der Regierung getragen und nur sehr spärlich mit den notwendigen Materialien versorgt. Es gibt einen Geburtsraum mit zwei Liegen, dazwischen ein Vorhang. Auf einem kleinen Tisch stehen die nötigsten Instrumente sowie eine Wasserkanne zum Hände waschen. Die Station für die Frauen ist voll und draußen warten schon die nächsten, um untersucht, betreut, beraten zu werden. Die Station hat 15 Betten, die einfach nebeneinander stehen. Hier liegen Frauen mit Wehen, nach der Geburt, mit Malaria, usw.
Alle bringen sich ihre eigenen Laken mit, und wenn kein Platz mehr da ist, liegen sie auf einer Matte zwischen den Betten. Die Familie kommt und kümmert sich um die Frauen, bringt ihnen Essen und Trinken. Sonst werden die Frauen viel allein gelassen und eben nur das Nötigste gemacht. So sieht man also überall auf der Station wehende Frauen, die einfach nur versuchen, still zu bleiben und sich bei jeder Wehe verkrampfen. Zur Untersuchung gehen sie zwischendurch in den Geburtsraum, um danach wieder allein gelassen zu werden. 

Bei Shanti ist es weiterhin ziemlich ruhig, sodass ich mir zur Aufgabe gemacht habe, mal ein bisschen aufzuräumen. Ich hab soo viel abgelaufene Dinge gefunden und Koffer voller Spenden, von denen die Hebammen nichts wussen oder auch gar nicht wussten, wofür man die Dinge gebrauchen kann…

Letzte Woche dachte ich außerdem mal für einen kurzen Moment “so, das wars!”, als ich in einem Matatu saß und es eine wirklich laute Explosion gab und das ganze Matatu voller Rauch war.
Es war aber alles ok, nur ein Kind hatte offene Wunden im Gesicht, um die sich aber auch niemand groß gekümmert hat.

Eine der Hebamme hatte leider in der 34.SSW eine Totgeburt. Heute habe ich sie zuhause besucht, ihr eine Bauchmassage gegeben und eine “richtige Hebammennachsorge” gemacht. So viel Dankbarkeit habe ich hier bisher selten erlebt wie in diesem Moment!

Aber nicht dass ihr denkt, hier ware alles schlecht!
Wir waren am Wochenende am Lake Mburo , haben Zebras gesehen und ganz viele Nilpferde und Krokodile auf einer Bootstour. Es ist so schön, jeden Tag ins Geburtshaus zu kommen und von so freundlichen, lieben Menschen begrüßt zu werden, die ich schon sehr in mein Herz geschlossen habe!  Außerdem werde ich sehr gut von der Projektkoordinatorin unterstützt und das hilft mir, offener an alles ranzugehen und den Mut zu haben, es einfach zu probieren.

Ich vermiss euch! Es ist  so viel wert, eine Familie und Freunde zu haben, die hinter einem stehen, egal, wie man sich entscheidet. Danke dafür
! :)


Donnerstag, 23. Januar 2014

Eine etwas andere Herausforderung


1. Es kommt immer anders.
2. Als man denkt.


Im Geburtshaus ist es ruhig. Sehr ruhig! Ich fühlte mich nutzlos und ohne Aufgabe, was sehr frustrierend war. Nach vielen guten Gesprächen und Überlegungen haben wir aber nun einen Plan für mich erarbeitet, wie ich mich im Projekt einbringen kann, sodass ich mich jetzt nicht mehr fehl am Platz fühle. Es sind nicht die Dinge, die ich erwartet habe, aber ich glaube, es wird trotzdem interessant und herausfordernd. Manchmal ist eben viel Eigeninitiative gefragt! Außerdem fange ich nächste Woche hier im Krankenhaus an und werde dort jeden Dienstag von 8-15 Uhr in der Geburtshilfe arbeiten. Bin sehr gespannt, wie das wird!
Für die nächsten Wochen ist folgendes geplant…
-Um das Projekt bekannter zu machen, werde ich sogenannte “outreaches” organisieren, also Werbung für Shanti in Kirchen und Dörfern machen…da gibts einiges zu planen und Leute zu kontaktieren
-Hebammeninterviews durchführen (zur Workshopplanung)
-Workshops und Fortbildung für die Hebammen organisieren/leiten
-Statistiken für Januar erstellen
-ein Hebammenhandbuch mit der "ShantiPhilosophie" über "mother-centred-care" schreiben. Ist für mich im Moment die schwierigste Aufgabe, weil ich nicht ganz genau weiß, was erwartet wird und noch nie sowas gemacht habe. Aber man wächst ja bekanntlich an seinen Aufgaben.

Dieses Wochenende besuchen wir Lake Mburo! Hier noch zwei Bilder von der ersten Safari im Murchinson Park :) Uganda ist ein wunderschönes Land!










Samstag, 4. Januar 2014

Vom neuen Jahr und neuem Leben


 Wie gesagt. So richtig Weihnachtsstimmung wollte nicht aufkommen, aber das ist bei 25 Grad und Sonnenschein in Uganda auch nicht so einfach. Es waren trotzdem besondere Tage mit gutem Essen und einem sehr schönen Nachmittag bei Shanti, an dem wir im Geburtshaus Karten spielten und dem heftigen Tropenregen zugeschaut haben. Sogar einen kleinen Weihnachtsspaziergang gab es, wenn man ihn so nennen will – auf staubig-roten Wegen durch die Bananenplantagen und Felder.
Immer dabei  viele Kinder, die den “Muzungu” an der Hand halten und einige Meter mit ihm laufen wollen. Nicht wegzudenken sind hier außerdem die gelben Kanister, mit denen die Menschen an den Wasserpumpen ihr Wasser besorgen und es nach Hause tragen. Am Straßenrand viele Ziegen, Kühe mit riesigen Hörnern, Hühner und kleine Shops (Bretterverschläge), die Tomaten, Bananen, Waschmittel und alles mögliche verkaufen.

Silvester habe ich ganz langweilig allein mit unserer Katze im Volunteerhouse verbracht.
Ich hätte die Möglichkeit gehabt, nach Kampala zu fahren und ins neue Jahr zu feiern, aber ehrlich gesagt hatte ich so gar keine Lust, für einen Tag mit dem Matatu zwei Stunden in die Stadt zu fahren und zwischen Hühnern und viel zu vielen Menschen in diesen kleinen, rostigen Bussen zu sitzen. Zumal ich grad am Wochenende vorher das Nachtleben in Kampala kennen gelernt habe! :)
Sogar in Kasana gab es ein kleines Feuerwerk, davon bleibt man auch hier nicht verschont. Draußen war ich aber nicht, das ist hier nachts zu gefährlich.

Am nächsten Morgen kam dann Flora, die “Traditional Birth Attendant” aus dem Geburtshaus, um mich in den Neujahrsgottesdienst der Gemeinde mitzunehmen. Traditionell ugandisch gekleidet (ja, ich hab den Spaß mal mitgemacht) ging es dann in die Kirche. Nachdem wir auf einem der vielen Plastikstühle Platz genommen haben, wurde ich erstmal von Flora der Gemeinde vorgestellt und musste mich auch selbst kurz vorstellen. Der Gottesdienst war auf Luganda, sodas sie extra neben mich jemanden zum Übersetzen gesetzt haben. Danach wurden wir vom Pastor zum Mittagessen eingeladen und sind zum “Kasana Beach” gefahren. Hätte ich nicht gedacht, dass es hier im Dorf sowas gibt – ein Restaurant mit Swimmingpool, Sauna, Dampfbad, Bar … auch, wenn ich das Dampfbad und die Sauna hier bestimmt nicht ausprobieren muss, ist so schon warm genug!

Sonst waren die letzten Tage bei Shanti eher ruhig – außer dem Donnerstag. Nur am Donnerstag gibt es hier die Impfstoffe für die werdenden Mütter und die Kinder, und so wird das Geburtshaus gefüllt mit Schwangeren, kranken Kinden und Frauen, die eine Beratung zur Familienplanung brauchen. Hier machen die Hebammen alles – impfen, Kinder behandeln, aufklären, beraten, Frauen mit Malaria behandeln, … der Ablauf schien mir etwas chaotisch, aber vielleicht hab ich auch einfach nur noch nicht das System dahinter begriffen, wenn bei der einen Frau Blutdruck gemessen wird und nebenher die nächste schon ihre Impfung bekommt.  Nicht schön “eine nach der anderen”, wie man es aus Deutschland kennt. Die Arbeitsmoral ist hier eh etwas anders; so bin ich auch die einzige, die den Schichtbeginn um 8 Uhr Ernst nimmt, ansonsten kommt man halt, wie man es schafft. ;)
Der Donnerstag ist auch der Tag für die “Exercises” – also Yoga für Schwangere. Ich dachte eigentlich, dass ich erstmal zuschaue, wie der Ablauf ist und was für Übungen sie mit den Frauen machen, aber plötzlich war dann ich diejenige, die mit den 13 Frauen die Übungen gemacht hat. “Teach us, Muzungu!”

Ein paar Meter weiter sitzen die WIGG Woman – Frauen, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Taschen und Schmuck als “Shanti Merchandise” herzustellen.
Eines der vielen Projekte von Shanti! Im Moment laufen außerdem die Vorbereitungen für den nächsten Teen Girl Workshop. Hier kommen junge Frauen und lernen einiges zum Thema Ernährung, Gesundheit, Verhütung, etc. Außerdem lernen sie, sich selbst “Pads” zu nähen, denn sonst nehmen hier viele Frauen Zeitungspapier als Einlage, wenn sie ihre Periode haben. 

Gestern dann endlich – die erste Geburt bei Shanti.
Für meine Hebammenkolleginnen und Interessierte gibt es gerne persönlich mehr Details, aber lieber nicht hier im Blog. Was ich aber hier erzählen kann: Der kleine Junge wurde direkt nach der Geburt erstmal auf die Waage gelegt und in Tücher gewickelt, sodass nichtmal die Nase frei war. Danach wurde er weggelegt, außer Reichweite der Mutter. Die wirkte aber auch nicht sonderlich interessiert an ihrem Kind. So lag das Bündel , komplett mit Stoff bedeckt, am Bettrand. Ich war immer froh, wenn das Kind mal einen Mucks von sich gegeben hat und ich durch die Tücher die Atembewegungen sehen konnte. Gab ja sonst keine Möglichkeit, zu beurteilen, wie es dem Kind geht.
Die Mutter wollte später, dass ich dem Kind einen Namen gebe.  Da wurde ich aber schon drauf vorbereitet, dass die Frauen es hier als Privileg sehen, von einer Weißen betreut zu werden. Ist natürlich trotzdem eine Ehre. Der erste Name, der mir in den Sinn kam, war Daniel, und die Mutter war glücklich damit. Ich habe sie aber gefragt, was denn ihr Lieblingsname ist, und so bekam er als ersten Namen Louis und Daniel als zweiten Namen. Herzlich willkommen im Leben, junger Mann!
Es war natürlich eine Geburt unter den einfachsten Bedingungen, fern von allem Luxus, den die Frauen in Deutschland haben. Ich bin gespannt, wie die nächsten Geburten laufen werden. Ich denke, wir können viel voneinander lernen und vielleicht habe ich ja mal die Möglichkeit, meine Art von Geburtshilfe vorzustellen, die schon etwas anders ist. ;) Es ist aber ein sehr gutes Gefühl, Teil von diesem Projekt zu sein und für die Frauen und Kinder hier in Uganda ein ganz bisschen beitragen zu können.

An meinem freien Tag habe ich versucht, endlich alles wegen der Kreditkarte zu klären. Ich sag nur “Hummeldumm”! Dann ist dein Akku vom Laptop und/oder Handy leer, das Internet funktioniert nicht, das Handy hat keinen Empfang, die Shops zum Kopieren haben geschlossen, Stromausfall, das Modem ist nicht mit dem neuen Laptop kompatibel, usw. Aber es ist inzwischen geschafft und ich hoffe doch sehr, dass bald meine neue Kreditkarte ankommt. 

Euch allen wünsche ich ein wunderschönes neues Jahr!

“May 2014 be the best year ever for us all. May we find the strength and courage to face adversity. May our bellies and hearts remain full, and may we reach for the stars. Keep those we love close. Let us choose our path with care and foresight and be aware of where our foot falls. Reach out to those who need our support and trust. Believe in ourselves and strive to do our best in everything.”

Sally Kelly